Quo vadis, Radsport?

 

In der letzten Woche machte die Neuigkeit die Runde, dass Rapha – nach zwei Jahren Abwesenheit – 2019 wieder ins Pro-Peloton als Sponsor einsteigen wird. Beim beenden des Vertrags mit dem Team Sky zur Saison 2016 wurde kein Grund genannt warum der Vertrag nicht verlängert wurde. In einem Interview aus dem letzten Jahr gab einer der Gründer, Simon Mottram, dann aber doch einen Einblick warum das Engagement nicht fortgeführt wurde: Mottram gab zu Protokoll, dass das Sponsoring es nicht geschafft habe Raphas Vision – die Basis mehr für den Profi-Sport zu begeistern – zu erfüllen.

Umso verwunderlicher scheint es nun, dass Rapha – welche definitiv als Premium-Marke und in gewisse Weise auch als Vorreiter in der Radbekleidungsindustrie bezeichnet werden kann – 2019 ihr Engagement im Profi-Peloton wieder aufnehmen wird: und zwar als Ausstatter bei EF-Drapac p/b Cannondale.

Wenn man sich diverse Artikel zum Deal oder auch den neusten cyclingtips-Podcast anhört wird schnell klar, dass dies kein „normaler Deal“ ist den Rapha hier eingeht, sondern – passend zu Rapha und durchaus auch zu EF-Drapac – etwas mehr „out of the box-thinking“ beinhaltet. Der Kernpunkt des Sponsorings über den am meisten gesprochen wird ist nämlich, dass das Team 2019 nicht nur an UCI-Rennen teilnehmen wird sondern – sofern es in den Kalender des Teams passt – auch an „alternativen“ Rennformaten & Radsportveranstaltungen. Auf der Liste stehen beispielsweise das Leadville100 (Mountainbike), Dirty Kanza (Gravelrennen) und Rennen der Redhook-Fixed-Gear-Kriterien. Vermarktet werden wird das ganze dann auch von der ohne Zweifel sehr guten Marketingabteilung von Rapha. Ziel ist es dabei – neben dem Verkauf von Klamotten natürlich – wie man das von Rapha gewohnt ist, v.a. Emotionen zu erzeugen & Persönlichkeiten in den Vordergrund zu rücken als den sportlichen Erfolg einer Equipe.

Krise des Radsports

Der Grund warum für Sponsoren wie Rapha der sportliche Erfolg nicht die oberste Priorität einnimmt ist mit Sicherheit die Glaubwürdigkeitskrise die der Radsport durch immer neue Dopingskandale erfahren hat. Zwar hat sich diese Krise mMn. mit der „neuen“ Generation an Profis bereits deutlich verbessert, dennoch ist der Radsport in der Öffentlichkeit nach wie vor ein gebranntes Kind. Dadurch entfernt sich der Profi-Sport immer mehr von der Basis des Radsports. Beispiel? Man schaue sich nur mal die Nachwuchsprobleme im Rennsport (Straße) an, die sinkenden Starterfelder bei Lizenzrennen und gleichzeitig aber die boomenden Starterzahlen bei Jedermannrennen. Radsport lebt – nur eben nicht im durch den Verband organisierten Sport. Das ist schade, denn nur durch eine breite Basis können auch Talente gefischt werden welche es dann vielleicht an die Spitze des Sports schaffen.

Persönlichkeiten

Persönlichkeiten sind deshalb aktuell – vor allem auch durch den sehr einfachen Zugang zu einem großen Publikum über Soziale Medien – interessanter für Sponsoren als ein Team das Sieg um Sieg einfährt. Das tragen von Team-Kits wird immer verpöhnter unter Amateur-Radsportlern. Kein Wunder also, dass Rapha einen „alternativeren“ Sponsoring-Ansatz hat als den Verkauf von „Pro-Gear“. 

Authentizität im Tun, Handeln & das darüber berichten in sozialen Medien lässt Sportler zu größeren Identifikationsfiguren für den Hobby-Radfahrer werden als z.B. Chris Froome der wie von einem anderen Planeten wirkt und Grand-Tour-Siege in Serie einfährt. Viel sympathischer & authentischer wirkt da die lockere Art eines Peter Sagan, die KOM-Jagd eines Phil Gaimon, mit dem sich jeder Hobbysportler auf Strava messen kann & damit einen Eindruck von dem unfassbaren Leistungsvermögen eines Profis kriegt. Jonathan Vaughters – Teamchef von EF-Drapac – hat das anscheinend als einer der ersten erkannt. So sprach er im bereits erwähnten cyclingtips-Podcast darüber, dass Phil Gaimon womöglich eine größere Werbewirksamkeit erzielt als irgend ein x-beliebiges Pro-Conti-Team und damit auch für Sponsoren natürlich interessanter ist als ein ganzes (2. Liga) Pro-Team. Muss man sich auch erstmal so klarmachen!

Auch Storys wie die thereabouts von den Morton-Brüdern oder aktuell die „Bikepacking“-Tour der Lotto-Soudal-Profis Thomas de Gendt & Tim Wellens, welche unter dem Hashtag #TheFinalBreakaway auf Instagram & Co. verfolgt werden kann, haben anscheinend für die meisten Hobbysportler einen größeren Identifikationscharakter als die Teilnahme an einer mehrtägigen oder gar -wöchigen Rundfahrt durch ein x-beliebiges Land auf der Welt. Ganz davon abgesehen, dass eine solche Art des „Reisens“ auf den ersten Blick sehr gut unter dem Label der vermeintlichen Nachhaltigkeit verkauft werden kann (ob das dann wirklich so ist steht dann jedoch wieder auf einem anderen Blatt).

Krisenmanagement

Radsport ist ein historisch sehr tief verwurzelter Sport und die Klassiker & Grand-Tours sind aus dem Radsport definitiv nicht wegzudenken, dennoch gibt es immer wieder Bestrebungen den Profisport zu modernisieren & für Zuschauer interessanter zu gestalten als sechsstündige TV-Übertragungen in denen man manchmal mehr über die Geschichte & Landschaft lernt als Rennsport zu sehen bekommt.
Die UCI möchte mit verschiedenen Maßnahmen – z.B. weniger Fahrer pro Team in Rennen – den Radsport wieder interessanter gestalten. Rapha mit seinem Deal möchte den Profi-Radsport zur „Basis“ zurückbringen. Der Gravel-Boom und die vielen Hipster-Radler in den Großstädten machen deutlich, dass das Rad & der Radsport immer mehr zum Lifestyle werden und das wird auch dementsprechend vermarktet. Journalisten sind gefühlt immer mehr auf der Suche nach einer Storys neben dem Sieg (wie die von Michael „Rusty“ Woods Fehlgeburt) als das sie über den Ausgang des jeweiligen Rennens berichten.

Auch gibt es immer mehr Experimente mit „alternativen“ Rennformaten wie beispielsweise den Hammer-Series Rennen, „Gravel“-Sektoren z.B. in Paris-Tours, Kopfsteinpflasterpassagen in Grand-Tours, kürzere Etappen etc.

Was bleibt ist Veränderung, was sich verändert, bleibt.

Michael Richter

Klar ist: der „traditionelle“ Radsport ist selbst für viele Radsportler immer uninteressanter geworden. Um Zuschauer (zurück) zu gewinnen muss sich der Rennsport neu erfinden. Getreu dem Sprichwort „Was bleibt ist Veränderung, was sich verändert, bleibt“ wird es spannend sein in welche Richtung der aktuelle „Wind of Change“ den Profi-Radsport in den kommenden Jahren verändern wird. Wenn es nach Rapha-Chef Simon Mottram geht, wird es definitiv mehr in Richtung Persönlichkeiten und deren Storys gehen als darum möglichst viele Rennen zu gewinnen.

Quo vadis, Radsport?
Früher oder später werden wir das rausfinden… ich bin jedenfalls gespannt wo die Reise hingeht.

Ein Gedanke zu „Quo vadis, Radsport?“

  1. Solange die Anti-Doping-Bestrebungen weiter so halbherzig sind, wird der Freizeitradler wohl nicht wieder mehr Interesse am Profiradsport bekommen. Mir geht es ja selbst so, dass ich lieber interssante Geschichten von Radreisebloggern lese, als mich vor den Fernseher zu setzen und Tour zu schauen.

    Rapha muss halt nur aufpassen, dass sie ncht im Mainstream landen. Die Hipsterkunden müssten sich dann nämlich was Neues und Cooleres suchen.

Kommentar verfassen