Archiv der Kategorie: Training & Co

LIDA – Radsport Literaturdatenbank

Wer auch im Radsport immer auf dem neusten Stand der Wissenschaft bleiben will, musste sich bisweilen durch verschiedenste Datenbanken wühlen. Das funktioniert zwar, ist aber etwas mühsam. Durch Google Scholar ist das ganze schon einfacher geworden, aber da muss man relativ genau wissen nach was man sucht um relevante Ergebnisse zu finden. Praktisch ist irgendwie auch anders.

Der Bund Deutsche Radfahrer e.V. (BDR) möchte dem – wie auf Facebook angekündigt wurde – nun Abhilfe schaffen und hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Trainingswissenschaft Leipzig (IAT) eine Literaturdatenbank rund ums Thema Radsport geschaffen.
Sinn und Zweck ist es alle radsport-relevanten wissenschaftlichen Veröffentlichungen gebündelt über ein Portal aufrufen zu können.

Dazu hat der Fachbereich Information & Kommunikation des IAT die gängigen wissenschaftlichen Datenbanken indexiert. Laut Information auf der Website wird die Datenbank zudem täglich aktualisiert.

Ganz anders als z.B. rad-net ist die Benutzeroberfläche modern und  intuitiv gestaltet. Es gibt eine große Suchleiste in der man direkt nach gewünschten Themen suchen kann. Man kann jedoch auch die vom BDR vorgeschlagenen Themengebiete, wie z.B.  Biomechanik, Leistungsdiagnostik oder Energiestoffwechsel durchstöbern.

Insgesamt ist die Suche gut gegliedert, so dass man z.B. nur nach Publikationen aus dem letzten Jahr oder nach Publikationen von bestimmten Autoren etc. suchen kann.

Die Startseite der Literaturdatenbank.

Ich finde die Datenbank wirklich sehr gelungen. Wenn man sich für einen bestimmten Themenbereich interessiert liefern die Vorschläge vom BDR sehr gute Ergebnisse und cross-references liefern zudem Vorschläge für themenverwandte Artikel.
Das stöbern in der Datenbank hat mir einige sehr interessante Publikationen bzw. Vorträge geliefert die ich in nächster Zeit mal lesen werde.

Was mir jedoch noch fehlt ist eine Übersicht über neu hinzugefügte Artikel. Gerade wenn man up-to-date bleiben möchte bietet es sich an eine Liste zu haben, in der stumpf die neusten Einträge aufgelistet werden – unabhängig von der Kategorie oder des Themas. Vielleicht würde sich hier auch ein RSS-Feed anbieten?
Ein weiteres Manko – wie bei allen anderen Literaturdatenbanken jedoch auch – ist die Zugriffsbeschränkung für Artikel.
Viele Artikel sind lediglich von universitären Accounts zugänglich beziehungsweise wenn man Abonnent des jeweiligen Journals ist.
Wer aber Zugriff auf wissenschaftliche Journals etc. hat, für den ist die LIDA eine sehr gute Möglichkeit auf dem neusten Stand der Wissenschaft zu bleiben.

Hier nun noch ein paar mMn. sehr interessante Publikationen, die nicht zugriffsbeschränkt sind:

Und hier auch nochmal der Link zur LIDA Literaturdatenbank Radsport des BDR.

Viel Spaß beim stöbern!

 

Elektromyostimulation – fitter werden auf der Couch?

Boris hat in seinem Artikel auf unterlenker.com bereits das Prinzip der Elektromyostimulation (EMS) erklärt und seine subjektiven Erfahrungen niedergeschrieben. Er berichtet dabei von einem sehr positiven Gefühl während/nach der Anwendung von EMS-Geräten. Die Hersteller solcher Geräte, allen voran Marktführer Compex, berichten natürlich auch von positiven Effekten auf Kraft, Regeneration und allgemeines Wohlbefinden. Compex führt hierfür mehrere Studien als Beleg für die positiven Wirkungen an.

Die Frage die man sich – übrigens bei allen Hilfsmitteln fürs Training oder Regeneration – allerdings stellen muss: Sind die versprochenen Effekte wirklich vorhanden oder ist das alles nur Marketinggewäsch? Ist die wissenschaftliche Datenlage wirklich so eindeutig wie die Hersteller den Anschein erwecken möchten?

Um die Frage zu beantworten möchte ich daher einen kleinen Überblick über die wissenschaftliche Datenlage zum Thema EMS(-Training) geben.

Zweifelsfrei steht fest, dass im heutigen Leistungssport, mit seiner großen Leistungs- und Wettkampfdichte, nicht nur gutes Training, sondern vor allem auch gute und schnelle Erholung von Trainings- und Wettkampfbelastungen eine große Rolle spielt.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Anwendungen und Methoden, die eine schnellere/bessere Regeneration versprechen: Massage, Sauna, Dehnen, Kompression, CWI (Cold Water Immersion), aktive Regeneration, Blackroll, Ernährung/Supplemente, Schlaf, … und eben auch EMS.
Bei einigen der genannten Methoden sind keine wissenschaftlich gesicherten (physiologischen) Effekte nachweisbar oder es gibt widersprüchliche Ergebnisse und dennoch sind die genannten Methoden Usus im Leistungssport.

Doch zur Studienlage bezüglich EMS-Training:
Für den Artikel habe ich zehn Studien zu EMS-Training gelesen. Vier Studien sind von der Compex-Website, sechs Studien habe ich durch eine Literaturrecherche selbst rausgesucht. Da EMS im Radsport hauptsächlich als Regenerationsmaßnahme benutzt wird sind die Studien die ich rausgesucht habe, welche die sich a) auf Ausdauersport oder b) Regeneration beziehen – oder im Idealfall eben beides.

Die erste Studie führt Compex auf ihrer Website auf. In der Studie von Bilot et al. wurden Fussballer untersucht, welche zusätzlich zu ihrem wöchentlichen Fussballtraining entweder ein Kraftprogramm mit einem EMS-Gerät absolvierten oder keine zusätzliche Maßnahme durchführten. Gemessen wurden die Auswirkungen auf die Kraft, die Leistung in Sprung-Tests sowie Sprints und die Schussgeschwindigkeit aufs Tor. Es zeigten sich signifikante Verbesserungen bei der Kraft im Quadrizeps und der Schussgeschwindigkeit, nicht jedoch bei den Sprüngen und Sprints. Bilot et al.  schlussfolgerten daher, dass man EMS-Geräte als zusätzliches Trainingsmittel benutzen kann und womöglich auch positive Effekte hervorruft. Sie weisen aber auch darauf hin, dass alleiniges EMS-Training vermutlich keine sportartspezifischen positiven Effekte hervorruft.

Dieses Ergebnis ist ähnlich zu den Ergebnissen von Gondin et al., die ein Review zu EMS-Training veröffentlichten. Sie schlussfolgern aus den gesichteten Studien, dass EMS-Training alleine keine leistungsfördernden Effekte hervorbringt, jedoch in Kombination mit spezifischen Übungen z.B. die Sprungleistung gesteigert werden kann. Der Schlussfolgerung würde ich hier jedoch widersprechen bzw. mit Vorsicht behandeln, da die Sprungleistung durch spezifisches Sprunkrafttraining immer gesteigert werden kann. Es wäre jedoch interessant herauszufinden, ob EMS-Training die Wirkungen von einem Sprungkrafttraining positiv beeinflusst.

Zum EMS-Training als alleinige Trainingsmaßnahme gibt es einen Case-Report von Gaelle et al., die untersuchten, wie sich ein sechswöchiges EMS-Training auf Kraft und Ausdauer auswirkt. Dazu wurden zu Testzeitpunkt 1 Baseline-Daten zu Kraft und Ausdauer erhoben. Anschließend wurde ein sechswöchiges EMS-Training der Beinmuskulatur durchgeführt (5x pro Woche für jeweils 45 Minuten) und abschließend wieder die Tests aus Testzeitpunkt 1 wiederholt. Dabei zeigte sich eine signifikante Verbesserung sowohl der Kraft, als auch der Ausdauer. Da jedoch nur ein Proband an der „Studie“ teilnahm, lassen sich die Ergebnisse leider nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Zudem war die Testperson untrainiert. Daher ist es fraglich, ob die gleichen Effekte auch bei (Leistungs-)Sportlern auftreten würden. Ich vermute nicht. Studien mit Patienten gibt es jedoch viele und diese zeigen auch meist positive Effekte von alleinigem EMS-Training auf die Kraft.

Betrachtet man Athleten und v.a. im folgenden auch Studien, die versuchen Effekte auf eine verbesserte Regeneration nachzuweisen, findet man auf der Compex-Website eine Studie von Neric et al. die der Frage nachgingen, ob sich die Regeneration von Schwimmern nach einem 200 yard-Sprint durch EMS signifikant von anderen Regenerationsmaßnahmen unterscheidet. Sie argumentieren, dass in einem Schwimm-Wettkampf, bei dem die Athleten innerhalb von z.B. drei Stunden mehrere „Heats“ schwimmen müssen, sich die Leistung verbessert wenn der Laktatabbau beschleunigt wird. Dieser Hypothese liegt die Theorie zugrunde, dass hohe Laktatkonzentrationen mit Muskelermüdung verknüpft werden. Ergo folgt, dass wer seine Laktatkonzentration schneller wieder auf Baseline-Niveau herabsenkt, auch schneller erholt ist und daher wieder eine höhere sportliche Leistung erbringen kann. EMS-Geräte sollen durch die ausgelösten Muskelkontraktionen den Blutfluss ankurbeln und damit den Laktatabbau fördern. Neric et al. konnten in ihrer Studie nun tatsächlich nachweisen, dass der Laktatabbau – verglichen mit passiver Regeneration – gesteigert ist. Verglichen mit aktiver Regeneration jedoch nicht. Für Schwimmer oder z.B. Ruderer schlussfolgern sie daher, dass es durchaus Sinn ergibt EMS-Geräte einzusetzen um den Laktatabbau zu fördern – wenn die Möglichkeit auf aktive Regeneration zurückzugreifen nicht besteht.

Abbildung aus Babault et al.

Leider haben Neric et al. ihre Probanden allerdings keinen zweiten 200 yard-Sprint durchführen lassen, mit dem man hätte vergleichen können ob die sportliche Leistung durch den schnelleren Laktatabbau tatsächlich gesteigert ist/erhalten bleibt.

Neuere Studien, wie beispielsweise von Barnett gehen allerdings davon aus, dass Laktat keinen negativen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit hat und damit auch, dass der gesteigerte Laktatabbau  „nutzlos“ ist. Barnett bringt viel mehr ins Spiel, dass die Regeneration u.a. abhängig vom Wiederauffüllen der Glykogenspeicher und einer guten Rehydration ist.

Malone et al. haben in einer Studie mit Triathleten die bei Neric angesprochene Kritik bedacht und ihr Studiendesign entsprechend angepasst. Die Probanden mussten eine Serie von drei Wingate-Tests (maximale 30s Sprints) auf dem Rad absolvieren. Anschließend wurde eine Regenerationsmaßnahme durchgeführt (aktive Erholung, passive Erholung oder EMS) und danach wieder eine Serie von drei Wingate-Tests durchgeführt. Malone et al. kamen dabei – die Laktatkonzentration betreffend – auf ähnliche Ergebnisse wie bereits Neric. Die Konzentration nach aktiver Erholung war signifikant niedriger als nach passiver Erholung oder EMS.

Abbildung aus Malone et. al.

Bei der anschließend durchgeführten zweiten Wingate-Serie zeigte sich bei keiner der genannten Regenerationsmaßnahmen ein signifikanter Unterschied bezüglich der Leistung in den Wingate-Tests.
Zumindest wenn man den Forschern hier glauben schenkt, lässt sich also festhalten, dass weder aktive Regeneration, noch EMS einen positiven Einfluss auf die Leistungsfähigkeit bei supramaximalen Belastungen haben.

Abbildung aus Malone et al.

In der Diskussion führen Malone et al., sowie auch Latier et al. und Babault et al. den Einfluss von Regenerationsmaßnahmen auf die Psyche bzw. das allgemeine Wohlbefinden an.
Es scheint so, als würde aktive Erholung die besten physiologischen Effekte hervorrufen.
Aktive Erholung ist jedoch meistens mit einem größeren Aufwand verbunden als die Regeneration mittels EMS-Gerät, so dass manche Athleten sich vielleicht im Nachteil sehen, wenn sie keine aktive Regeneration durchführen können. Für diese Sportler bietet sich die Regeneration mit EMS-Geräten an, da durch den psychologischen Effekt und das dadurch ausgelöste Wohlbefinden, ein positiver Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit ausgeübt werden kann.

Auch wenn es objektiv keinen nachweisbaren, signifikanten Unterschied in der sportlichen Leistungsfähigkeit gibt,  haben einige der Probanden in den Studien nämlich berichtet, dass sie sich nach einer EMS Behandlung besser gefühlt haben als ohne die Behandlung. Überträgt man das in die sportliche Praxis, so könnte man beispielsweise in der Halbzeit beim Fussball in der Kabine eine EMS-Behandlung machen und die Spieler anschließend mit einem guten Gefühl wieder in die zweite Halbzeit schicken.
Im Radsport, wo man zwischen den einzelnen Rennen meistens mindestens eine Nacht zur Regeneration hat – wenn man nicht gerade Eliminator-Rennen bestreitet oder Bahnsprinter ist – sehe ich nach der Sichtung der wissenschaftlichen Literatur keine begründete Notwendigkeit zur Benutzung von EMS-Geräten.

Im Endeffekt sind bisher noch viele Fragen ungeklärt. Dazu werden noch einige Studien nötig sein um detaillierteres Wissen zu schaffen. Momentan bleibt mir daher nur das gleiche Fazit wie bereits im Beitrag über Regenerationsmanagement zu ziehen:
Fühlt man sich nach einer solchen Maßnahme besser, dann spricht nichts dagegen sie einzusetzen, denn eines ist klar: schaden können solche Geräte nicht und auch wenn der Effekt „nur“ psychologisch ist: auch ein Placebo-Effekt kann eine große Wirkung entfalten.

 

Literaturverzeichnis

Elektromyostimulation – fitter werden auf der Couch? weiterlesen

Regenerationsmanagement

beitragsbild_regman

Am Samstag war ich auf einem Symposium zum Thema „Regeneration im Spitzensport“. Veranstalter war der Landessportverband für das Saarland in Kooperation mit dem Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes. Boris hatte über die Veranstaltung bereits auf seinem Blog berichtet und sich auch dafür angekündigt, ist dann aber glaube ich lieber in Urlaub gefahren anstatt ins verregnete Saarbrücken zu kommen.. sei ihm gegönnt 😉

Nach einer allgemeinen Einführung in das Thema Regeneration und der Vorstellung der Forschungsprojekte im Verbundprojekt RegMan (www.regman.org) standen folgende Themen auf der Agenda:

  • Psychologisches Management (Dr. Sarah Kölling)
  • Individuelle Ermüdungsdiagnostik (Dr. Anne Hecksteden)
  • Massage und Schlaf (Dr. Sabrina Skorski)
  • Sauna und Kaltwasser (Jan Schimpchen, M.Sc.)

Die Vorträge waren alle auf sehr hohem Niveau und beruhten auf aktuellen (zum Teil noch unveröffentlichten) wissenschaftlichen Studien. Das machte es zum einen zwar relativ schwierig die ganze Zeit aufmerksam zuzuhören, war allerdings auf der anderen Seite auch sehr interessant.
Im folgenden möchte ich die Vorträge kurz zusammenfassen.

Psychologisches Management

Da Athleten unterschiedlich auf den gleichen Stimulus (Training/Erholung) reagieren ist es schwierig bzw. sehr aufwendig objektive Indikatoren für den aktuellen Ermüdungszustand zu finden. Dem kann man mit Hilfe der Psychometrie abhilfe schaffen.
Anstatt alle möglichen Parameter zu messen fragt man seine Sportler im Prinzip: „Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?“.

Einfach und simpel. Muss man erstmal drauf kommen.

Zwar gibt es bereits bestehende Verfahren in der Psychometrie, die haben sich aber alle als Nachteilhaft herausgestellt und so hat Dr. Kölling und ihr Team einen neuen, standardisierten Fragebogen entwickelt, das sogenannte AKUTMASS (bzw. die Kurzfassung für den täglichen Gebrauch: KURZMASS). Mit Hilfe des AKUTMASS kann man innerhalb von z.B. 5 Minuten einschätzen wie die Sportler heute drauf sind oder wie schwer ihnen das Training gefallen ist und entsprechend darauf reagieren.
Die Validität des Fragebogens wurde von Dr. Kölling et al in einer Studie nachgewiesen. Die Ergebnisse die am Samstag präsentiert wurden waren nachvollziehbar und erschienen sinnvoll.

Natürlich hat so ein Fragebogen auch Nachteile, wie z.B. dass man eine Baseline benötigt um Vergleiche anstellen zu können, der Zeitpunkt möglichst standardisiert (z.B. jeden morgen nach dem aufstehen) sein sollte und v.a. ist das Verfahren abhängig von der Ehrlichkeit der Sportler, aber ich finde die Nachteile sind alle in Kauf zu nehmen, wenn man die Ökonomie des Tests betrachtet.

Der (kurze) Fragebogen kann z.B. auf eine DIN-A4 Seite gedruckt werden und ist in 1 – 2 Minuten komplett ausgefüllt. Auf dem Symposium wurde zudem angekündigt, dass es demnächst eine Website/App geben über die man seine Sportler den Fragebogen ausfüllen lassen und direkt online auswerten lassen kann.
Momentan läuft noch die Beta-Phase, ich habe darum gebeten einen Test-Zugang zu bekommen aber leider noch keine Rückmeldung erhalten.

Leider gibt es den Fragebogen bisher nirgends zum runterladen, aber wer up to date bleiben will, sollte einfach mal regelmäßig auf www.regman.org vorbeischauen.
Wer sich für die Wissenschaft hinter dem Fragebogen interessiert, der findet hier die Publikation dazu.

Individuelle Ermüdungsdiagnostik

Weiter ging es mit dem Vortrag von Dr. Anne Hecksteden zur individuellen Ermüdungsdiagnostik. Zu Beginn erklärte sie nochmals kurz das Modell der Ermüdung und Erholung, dass Ermüdung mehrdimensional ist und objektiv nur sehr schwer messbar. Es wurden alle möglichen Parameter zur Messung von Ermüdung/Erholtheit (z.B. Creatinkinase, Harnstoff, F-Testosteron, Cortisol, IGF-1 usw.) mit ihren Vor- und Nachteilen durchgesprochen.
Anschließend stellte Dr. Hecksteden zwei Verfahren vor, von denen man sich verspricht, dass man damit irgendwann objektiv feststellen kann wie ermüdet/erholt ein Athlet ist:

  • Referenzwertindividualisierung
  • individuelle Muster

Bei der Referenzwertindividualisierung wird ein ähnliches Verfahren angewendet wie beim Blutprofil der UCI. Man hat einen gruppenbasierten Referenzwert eines Markers (z.B. Harnstoff) und versucht dann im Längsschnitt mehrere Werte des Athleten mit bekanntem Ermüdungszustand(!) zu bekommen um dadurch einen Korridor zu erhalten, in dem sich der Harnstoff-Wert normalerweise befindet.

Schematische Darstellung der Referenzwertindividualisierung mit zwei Markern

So kann man die individuellen Grenzwerte abstecken, zwischen denen ein Wert bei einem Athleten schwankt und damit (vielleicht) irgendwann objektiv beurteilen wie der aktuelle Ermüdungszustand ist.

Die Feststellung individueller Muster basiert auf einem ähnlichen Prinzip. Hier versucht man mit den Werten F-Testosteron, Harnstoff, Cortisol und Creatinkinase graphisch darzustellen wie der Ermüdungszustand des Athleten ist. Das ganze sieht dann in etwa folgendermaßen aus:

Schematische Darstellung für ein individuelles Muster

Hintergrund ist, dass man festgestellt hat, dass Sportler auf gleiche Trainingsreize unterschiedlich reagieren. Während Sportler A z.B. auf 3 h GA-Training mit einer Auslenkung im Harnstoff reagiert, könnte bei Sportler B z.B. Harnstoff gar keine Reaktion zeigen, dafür aber Cortisol. Auch für dieses Verfahren benötigt man zuerst Baseline-Daten und viele weitere Testzeitpunkte um ein solches Profil erstellen zu können. Hat man das aber erstmal geschafft, sollte es möglich sein, neue Daten in Relation zu setzen und damit den aktuellen Ermüdungszustand eines Sportlers objektiv zu bestimmen.

Beide Verfahren klingen natürlich ziemlich vielversprechend, man muss allerdings auch die Nachteile sehen: beide Verfahren sind invasiv (Blutentnahme) und benötigen eine Auswertung des Blutes im Labor. Hinzu kommt eine nicht ganz einfache Deutung der Werte. Das kann vielleicht im absoluten Spitzensport Anwendung finden, für den ambitionierten Freizeitsportler sind diese Verfahren allerdings eher ungeeignet.

Massage und Schlaf

Nachdem die ersten beiden Vorträge wenig praxisrelevant und sehr wissenschaftlich waren, folgten anschließend zwei Vorträge, die einen stärkeren Bezug zur Praxis hatten.
Massage ist mit Sicherheit das beliebteste und am häufigsten angewandte „Regenerationsmittel“. In einer Meta-Analyse wurde herausgefunden, dass in 13 von 22 Studien positive Effekte nach einer Massage festgestellt wurden. Die sportliche Leistung war im Schnitt um 3,3 % besser nach einer Massagebehandlung (nach Klassischer Massagetherapie). Für die Dauer der Behandlung lässt sich sagen, dass „je kürzer die Massage, desto größer der Effekt“. Die größten Effekte ließen sich bei einer Dauer von 5 – 6 Minuten nachweisen. Und, jetzt kommt das was mich am meisten verwundert hat, der Zeitpunkt der Massage: die größten Effekte ließen sich kurz vor der Belastung nachweisen.
An dem Punkt entstand dann auch eine kleine Diskussion über die Gründe dafür und im Endeffekt blieb Dr. Skorski nur zu sagen, was sie vermuten: dass die Massage (klassische Massagetherapie!) im Prinzip keinen physiologisch messbaren Nutzen hat, sondern dass die Verbesserung in der sportlichen Leistungsfähigkeit allein auf psychologische Effekte zurückzuführen ist.

 
Schlaf ist zwar gerade ein Trendthema, ist aber wohl immer noch die am meisten unterschätze Regenerationsmaßnahme überhaupt. Die positiven Effekte des Schlafs sollten mittlerweile ja jedem bekannt sein, die Folgen von Schlafentzug aber wahrscheinlich weniger:

  • verminderte Leistungsfähigkeit des anaeroben Systems
  • Verminderung der max. Leistungsfähigkeit
  • Verringerung der kognitiven Leistungsfähigkeit
  • höhere Verletzunganfälligkeit

Im Zuge dessen wies Dr. Skorski immer wieder auf eine gute Schlafhygiene hin, also schlaffördernde Maßnahmen und Umgebung. So sollte man darauf achten möglichst immer zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen, auf die Raumtemperatur, die Helligkeit des Raumes, die Aktivität vorm schlafen-gehen (kein Smartphone, Tablet, Laptop!!) und schließlich natürlich auch auf eine ausreichende Menge Schlaf.
Auch auf Powernaps wurde kurz eingegangen, aber hier ist die Studienlage sehr dünn und Dr. Skorski konnte keine wissenschaftlich fundierte Aussage geben. Ihre – und auch meine – persönlich Meinung: Powernaps sind der Hit! (wenn man’s richtig macht. Wie’s richtig geht: hier nachlesen!)

Und hier nochmal zwei Grafiken, die das Thema Schlaf verständlich und ansprechend zusammenfassen:

Simple tips to improve your sleep by Yann Le Meur
Simple tips to improve your sleep by Yann Le Meur
How does sleep loss influence your performance by Yann Le Meur
How does sleep loss influence your performance by Yann Le Meur

 

 

 

 

 

Sauna und Kaltwasser

Sauna und die von Per Mertesacker geliebte Eistonne sind eigentlich zwei Methoden, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten., trotzdem wird beiden ein leistungsfördernder Effekt zugesprochen.

Der Sauna wird nachgesagt, dass sie die Thermoregulation des Körpers verbessert, oxidativen Stress reduziert, das Immunsystem stärkt und die Schlafqualität verbessert. Dazu gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Studien, die das belegen und auch in einer mit Schwimmern durchgeführten Studie (die letzte Woche erst abgeschlossen wurde!) konnten Schimpchen et al keine Effekte finden.

Bei der Kaltwasser-Anwendung sieht es hingegen etwas besser aus. Eine Studie mit der Gewichtheber-Nationalmannschaft hat herausgefunden, dass es einen Effekt gibt, der aber sowohl positiv als auch negativ sein kann. Vermutlich ist der positive Effekt bei einer Wassertemperatur von 12 – 15 °C und einer Dauer von 10 Minuten am größten. Dabei sollte man mit dem ganzen Körper in das Wasser eintauchen und zwar möglichst direkt im Anschluss an das Training oder den Wettkampf.

 
Es bleibt also nur: selbst ausprobieren ob es gut tut oder nicht. Auch hier liegt die Vermutung eines Placebo-Effektes nahe, nachweisen konnte bisher keine Studie etwas.

Wissenschaftlich fundierter ist hingegen die Wirkung von Pre-Cooling auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Gerade aktuell bei der Straßen-WM in Doha war das ja auch ein großes Thema. Hier konnte nachgewiesen werden, dass hoch trainierte Sportler ab einer Außentemperatur von 25 °C von einer Pre-Cooling-Strategie bestehend aus Kühlwesten und dem Konsum von kalten Getränken profitieren – und zwar mit einer Leistungssteigerung von etwa 3,7 %!
Der Effekt kommt dadurch zu Stande, dass die Körperkerntemperatur vor dem Start um bis zu 1 °C abgesenkt wird und man damit mehr Luft nach oben hat, bis man die für den Körper kritische Temperatur von ~ 39 °C erreicht.

Fazit

Das Thema Ermüdungsdiagnostik und Regeneration ist sehr komplex, aber bisher noch relativ wenig erforscht. Es gibt Studien aus denen sich Handlungsempfehlungen ableiten lassen, diese sind aber rar gesät und bedürfen noch weiteren Untersuchungen.
Für Trainer und Sportler bleibt festzuhalten, dass keine der genannten Regenrationsmaßnahmen die Maßnahme schlechthin darstellt. Positive Effekte lassen sich physiologisch meist nicht nachweisen, daher ist zu vermuten, dass die positiven Effekte psychologisch sind (Placebo-Effekt). Man kann allerdings sagen, dass keine der Maßnahmen negative Effekte auf die sportliche Leistung hat. Daher kann man guten Gewissens die präferierten Maßnahmen anwenden, wenn man sich danach besser fühlt – schließlich hat auch die Psyche einen sehr großen Anteil an der sportlichen Leistungsfähigkeit.